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Kreisfeuerwehrverband Neu-Ulm

Online Berichte

Mit freundlicher Genehmigung der
Neu-Ulmer Zeitung

28.10.2008

Oberroth/Babenhausen: Retter an der Grenze ihrer Belastbarkeit

Zwei Menschen sterben bei Unfall im Allmannshornwald

Von Wilhelm Schmid

Oberroth/Babenhausen Bei einem tragischen Verkehrsunfall zwischen Oberroth und Babenhausen sind in der Nacht zum gestrigen Dienstag eine Mutter und ihre eineinhalb Jahre alte Tochter ums Leben gekommen. Der sechsjährige Sohn der 41-Jährigen wurde mit schweren Kopfverletzungen in eine Klinik in Ulm eingeliefert.

Die Unfallursache ist noch unklar. Laut Polizei war die Autofahrerin aber definitiv allein beteiligt. Ein Sachverständiger versucht, den genauen Hergang zu rekonstruieren. Die Fahrbahn war nach Regenfällen zum Unfallzeitpunkt nass. Nach ersten Erkenntnissen der Helfer vor Ort waren alle Fahrzeuginsassen angeschnallt. Die Kinder waren zusätzlich mit Kindersitzen gesichert, sämtliche Airbags am Unfallfahrzeug hatten ausgelöst.

Die Familientragödie ereignete sich im Allmannshornwald. Die 41-jährige Frau war, aus Richtung Oberroth kommend, möglicherweise auf dem Heimweg, als sie gegen 21.30 Uhr auf der Staatsstraße 2020 in einer langgezogenen Linkskurve rund 300 Meter vor der sogenannten Porschekurve mit ihrem Ford Escort unmittelbar im Bereich einer Weg-Einmündung nach rechts von der Fahrbahn abkam und gegen einen Baum prallte. Das Fahrzeug wurde zwischen drei Bäumen eingeklemmt. Ein Baum stürzte um, fiel auf die Verunglückten und blieb auf dem total zerstörten Wrack liegen. Das erschwerte später die Rettungsmaßnahmen erheblich.

Das Kleinkind in den Armen

Ein Autofahrer und ein Feuerwehrmann, der zufällig mit einem Einsatzfahrzeug unterwegs war, trafen als Erste an der Unfallstelle ein (siehe nebenstehenden Bericht). Während der Feuerwehrangehörige mit Telefonaten und Funksprüchen versuchte, Rettungskräfte zu alarmieren, war der Autofahrer in den Wald an die Stelle gelaufen, wo das total zerstörte Unfallfahrzeug lag. Als er zurück zur Staatsstraße kam, trug er das Kleinkind auf den Armen. Es war bei dem schrecklichen Unfall aus dem Fahrzeug geschleudert worden und bewusstlos. Jede Hilfe kam zu spät.

Oberroth/Babenhausen (wis) - Kurz vor 21.30 Uhr befand sich Michael Staudenhechtl, Kommandant der Werkfeuerwehr Cognis Illertissen, mit einem Hilfeleistungs-Löschfahrzeug seiner Wehr auf der Rückfahrt vom Gerätehaus der Feuerwehr Babenhausen. Plötzlich stand ein Autofahrer heftig winkend am Straßenrand. Staudenhechtl stoppte sein Fahrzeug sofort. Der Mann machte ihn darauf aufmerksam, dass rund 20 Meter abseits der Fahrbahn ein total zerstörter Pkw zwischen den Bäumen liege. Der Illertisser erkundete die Lage und versuchte sofort, einen Notruf abzusetzen, was jedoch nicht auf Anhieb gelang: Mit dem Handy blieb er zunächst in der Warteschleife hängen und hörte die Durchsage „Polizei-Notruf - bitte legen Sie nicht auf“. Auch über den Feuerwehrfunk bekam er zunächst keine Verbindung, bis er schließlich mit dem Mobiltelefon beim Polizeipräsidium Kempten durchkam.

Während Feuerwehrkommandant Staudenhechtl den Lichtmast des Feuerwehrfahrzeuges ausfuhr und die Unfallstelle mit Blaulicht absicherte, brachte ihm der Autofahrer das aus dem Unfallfahrzeug geschleuderte, bewusstlose Kleinkind. Staudenhechtl begann sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen und übergab das Mädchen dann dem kurz darauf eintreffenden Rettungsdienst. Aber auch diese Kräfte konnten nicht mehr verhindern, dass das eineinhalbjährige Kind noch an der Unfallstelle in den Armen der Helfer starb.

Der Rettungsdienst entsandte vier Rettungswagen sowie drei Notärzte, darunter einen Kindernotarzt, die Feuerwehr Babenhausen rückte aus. Mit drei hydraulischen Rettungssätzen, jeweils bestehend aus Schere und Spreizer, gingen die Helfer nun daran, die Frau und ihren Sohn aus dem Fahrzeug zu befreien. Nach etwa einer Viertelstunde gelang es, den Sechsjährigen herauszuholen. Er war noch ansprechbar und klagte über Schmerzen im Bein. Die schweren Kopfverletzungen spürte der Bub offensichtlich im Schock noch gar nicht. Er wurde mit einem Rettungswagen in eine Ulmer Klinik eingeliefert.

Zuerst Baumstamm zersägt

Die Befreiung seiner Mutter dauerte länger. Ein fast acht Meter langer Baumstamm lag auf dem Fahrzeug, der zunächst mit der Motorsäge zerlegt werden musste. Außerdem war das Fahrzeug von drei Seiten zwischen weiteren Bäumen eingeklemmt. Die Retter mussten sich zu einer sogenannten „Crash-Rettung“ entschließen - ohne Rücksicht auf sekundäre Verletzungen, was eine knappe Stunde nach dem Unfall auch gelang. Dazu musste das Unfallfahrzeug fast komplett zerlegt werden. Die Frau konnte im Rettungswagen so weit stabilisiert werden, dass ihr Transport ins Krankenhaus nach Krumbach möglich war. Die 41-Jährige starb dort aber kurz nach ihrer Einlieferung.

Der Einsatz eines Rettungshubschraubers war nach Auskunft des Rettungsdienst-Einsatzleiters Ludwig Pinzger wegen Dunkelheit und starken Regens nicht möglich. Die Polizei aus Memmingen war mit drei Streifen im Einsatz. Auch Inspektionsleiter Eberhard Bethke war an die Unfallstelle gekommen. Er überbrachte später gemeinsam mit einer Notfallseelsorgerin die schreckliche Nachricht an den Familienvater in einer Babenhauser Nachbargemeinde.

Drei Mitarbeiter eines Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes kümmerten sich um die Betreuung der unter großer psychischer Belastung arbeitenden Einsatzkräfte. Die Staatsstraße blieb bis gegen 2 Uhr gesperrt; die Feuerwehr leitete den Verkehr um.


 
Bild: Wilhelm Schmid  

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